Mysteriöser Achilles Teil VI – Von dem (jungen) Hüpfer lass ich mir den Sommer nicht versauen

27.6.2018: Das erste Mal Physiotherapie

Es ist soweit. Heute geht’s um die Mittagszeit zum ersten Mal zur Physio. Und das Tollste: Ich fahre selbst. Nach über vier Wochen haben mein geliebtes Auto und ich uns endlich wieder. Herwig hat mir einen befreundeten Therapeuten empfohlen. Als ich in der Praxis begrüßt werde, haben sich die beiden bereits abgesprochen, wie man mich nun möglichst schnell wieder fit bekommt. Die Quälerei des Dehnens und der Kräftigung wird Herwig übernehmen.

 

Zu Beginn untersucht der Therapeut mich und mein Gebrechen, findet einige Verklebungen im Muskel und behandelt mich von nun u.a. mit einer speziellen Strom-Therapie: INDIBA. „Diese „Active Cell Therapy“ stimuliert die natürlichen Heilungsprozesse und Mechanismen zur Gewebewiederherstellung auf nichtinvasive Weise“, so der Hersteller. Ein hochfrequenter Strom wird dabei über Elektroden appliziert und soll eine langanhaltende und effektive Schmerzlinderung herbeiführen.

 

Wie Herwig findet auch mein neuer Therapeut, den ich ab jetzt zweimal pro Woche aufsuchen werde, mein „Beinchen“ äußerst amüsant. „Das ist aber auch alles schön weich!“ Yes. I know! I hate it! Auch er empfiehlt mir, zuhause möglichst viel ohne Orthese zu gehen. Denn mein Bein hat das Gehen bzw. das Abrollen bereits völlig verlernt :-/

Im Anschluss an diese erste Behandlung, die auf der Rüttelplatte endet, schaue ich mit Kathi im BeachClub das WM-Spiel Deutschland gegen Südkorea. Wir fliegen überraschend raus. Später essen wir noch gemeinsam an der Schlachte im Feldmanns zu Abend. Alles artig mit Orthese. Ich bin erst nach halb elf zuhause.

 

28.6.2018: Andersherum

Ab heute geht’s also andersherum. Quasi wieder bergauf. Der ideale Zeitpunkt um den Tiefpunkt meines Beinchens fotografisch festzuhalten – mit Selbstauslöser versteht sich. Und messe ich nochmal: 34 cm Wadenumfang links, 37cm rechts.

Ab nun wird mehr oder minder fleißig gedehnt. Viel geht da nicht, nach fünfeinhalb Wochen Nichtgebrauch. Eigentlich geht fast nix. Aber ich weiß ja, wie fix sich Muskeln dehnen lassen. Aber: nicht übertreiben! Da die Aktion wahnsinnig unangenehm ist, werde ich das wohl auch nicht.

 

 

 

29.6.2018: Und er tut es doch

Nach der eher angenehmen INDIBA-Behandlung widmet sich mein Therapeut sich heute wieder meinen Verklebungen. Er quält mich also doch. Ich dachte, das würde Herwig via Sportprogramm übernehmen. Aber nööö … Mit einer Art geschwungenem Metall-Rakel geht er mit durchaus reellem Druck das betroffene Areal auf und ab. Joa, das ist alles andere als schön. Doch therapeutisch sei es wohl gut, hin und wieder noch mal einen Reiz zu setzen, sagt er und meint wohl aber eher Schmerz zu erzeugen. Danach darf ich wieder auf die Rüttelplatte. Erst werden meine Beinchen im Liegen, dann im Stehen geschüttelt.


Im Anschluss erledige ich selbstständig (!!!) meinen Alltag! Wie herrlich. Ich (!!!)fahre zur Post, um dort mein bestelltes BalanceBoard abzuholen, dann erwerbe ich einen AquaCycling-taugliches Bikini-Oberteil für Herwigs Kurs. Zuhause verzichte ich nun tatsächlich mehr und mehr auf das Tragen des Stiefels und schleiche auf Absatztretern durch meine Wohnung, um sukzessive wieder ein normales Gangbild herzustellen.

Nachmittags erkundigt sich mein Kumpel Andrè nach meinem Befinden und bietet ein Wochenend-Einläut-Bierchen an, das wir uns in der Sonne auf der Terrasse gönnen. Danach fordere ich noch Baden-Gehen bevor er wieder fährt, um sich seinem Damenbesuch zuzuwenden: Das Töchterchen kommt zu Besuch.

 

 

30.6.2018: Again on my own

Da das Baden gestern mit Andrè wieder so famos funktioniert hat, ging ich heute einfach zum ersten Mal seit dem „Vorfall“ alleine baden. Dabei habe ich auch gleich ein kleines Wadentraining für mich auserkoren. Ich stelle mich im Wasser mit dem linken Vorderfuß auf die unterste Sprosse der Leiter und drücke mich Kraft meiner Wade aus dem kühlen Nass – soweit es geht. Aktuell bekomme ich nicht mal die Brust vollständig über die Oberfläche. Aber das wird schon.

 

 

1.7.2018: Rollerfahren

Heute war ich spontan Motorroller-Beifahren – eine Stunde durch den Verdener Landkreis mit dem schönsten Zweirad, das ich je gesehen habe: Ein 70 Jahre alter DDR-Roller der Marke Berlin. Ob der Spontaneität trug ich Minirock und Pumps. Aber hey, wer sagt, dass das nicht geht? Geht! Bei der Affenhitze war die Spazierfahrt wohl fast das Beste, was man an diesem Sommertag machen konnte. Ich ärgere mich wie bolle, dass wir von diesem schönen Trip kein Foto gemacht haben. Aber es wird vielleicht nicht die letzte Tour gewesen sein.

 

 

2.7.2018: Ganz unten

Nun hat auch Keil zwei den Stiefel verlassen. Ich bin also wieder ganz unten.
Mittags hab ich wieder Physio. Oh Mann, dieses Verklebungen lösen, tut echt weh. Das kommuniziere ich auch dezent und erwähne, dass die Prozedur echt nicht angenehm ist. Darauf erwidert mein Therapeut kokett: „Frau Pluskat, wenn sie was Angenehmes von mir wollen, müssen wir uns außerhalb dieser Räume treffen.“ Schöner Umgangston. Es gibt nichts Schlimmeres, als stures Abarbeiten am Patienten. Witzchen zu machen, ist super. Dennoch nenne ich den Mann ab heute in meinen Gedanken „Quälix“.

 

Quälix schimpft über mein Gangbild und verlangt, dass ich ohne Orthese nun wieder so flüssig laufe, dass mir niemand die Verletzung ansehen kann. Leichter gesagt als getan. Ich bekomme das nicht hin. Ich konzentriere mich wie Sau, aber dennoch hüpfe ich schnellst möglich auf das gesunde Bein zurück. „Hach, schön diese assoziierten Bewegungen“, sagt Quälix amüsiert. Ich habe keine Ahnung, wovon er spricht. „Merken Sie, was Sie beim Gehen mit ihren Händen machen?“ Oh, jetzt ja! Das sieht vermutlich aus, als würde ich unter nem Spasmus leiden.

 

 

4.7.2018: Sportplatz Garten

Ich gehe früh morgens in den Garten, denn der hat es nötig, ist er doch nach sechs Wochen Ignoranz ziemlich verwahrlost. Außerdem tut Bewegung gut, nech? Als mein Nachbar Hans mir über den Weg läuft, stehe ich gerade Unkraut-rupfend im Rosenbeet. „Davon müsste man ne Aufnahme machen“, sagt er lächelnd und findet mich mit meinem Stiefel offenbar recht amüsant.

Mittags ruft Herwig an und will mit mir trainieren. „Haben wir dafür die Erlaubnis?“, frage ich und er schlägt vor, kurz mit Quälix zu sprechen und sich dann wieder bei mir zu melden. Ergebnis: Diese Woche habe ich noch frei. Dennoch hüpfe ich nachmittags wieder in die Ochtum und widme mich aus dem „Wassertraining“.

 

 

5./6.7.2018: Was so alles wiederkommt

„Wo bekommen Sie eigentlich immer dieses vielen blauen Flecke her?“, fragt mich Quälix bei der Behandlung. „Nehmen Sie Medikamente?“ Erst sage ich 'Nein'. Dann fallen mir die Thrombosepritzen ein. Die könnten doch allmählich mal ein Ende haben. Das kläre ich Montag mal beim Arzt.

Nach kurzer Diskussion erhalte ich außerdem Erlaubnis, Fahrrad zu fahren. Zumindest in wenig belebten Bereichen. Yesss, dann kann ich auch endlich mal wieder Kardio trainieren.
Nach diesem Teilerfolg spreche ich außerdem die noch immer heftige Schwellung im Knöchelbereich an. Ich selbst vermute die einfach noch nicht intakte Muskel-Venen-Pumpe als Grund für den ausbleibenden Abtransport der Flüssigkeit. Der Experte erklärt mir jedoch, dass bei dem Tritt natürlich auch viele Lympfbahnen zerrissen wurden und somit die Flüssigkeit gar nicht abtransportiert werden kann. Die kommen wieder, aber das dauert.

Ebenfalls wieder kommt mein Freund Torben. Der besucht mich mittlerweile zum dritten Mal in Bremen und bleibt immer eine Nacht. Er hat gerade Urlaub, möchte mal raus und was bietet sich da mehr an, als bei mir Chillen&Grillen mit Baden zu verbinden. Gebadet wird allerdings erst an Tag zwei. Zu Torbens nachträglicher Enttäuschung: „Jennifer, warum haben wir das gestern nicht schon gemacht? Dann hätten wir das heute einfach nochmal gemacht!“ Oder: „Jennifer, warum bin ich nicht letzte Woche schon gekommen? Dann wäre ich diese Woche einfach noch mal wiedergekommen!“ Torben ist ganz außer sich vor Entzückung über die schöne Ochtum und hechtet gleich dreimal ins kühle Nasse. Beim Sonnenbaden auf dem Ponton verbrennt er sich dann leider abschließend noch den Pelz.

 

 

7.7.2018: Ich fahr so gerne Rad …
Erlaubnis erteilt: Rauf auf den Sattel! Mal schauen, wie das so geht. Sobald ich die richtige Fuß-Pedal-Stellung gefunden habe, fühlt es sich ganz gut an. Zumindest in niedrigem Gang. Von Kardio hat das jedoch nix, denn viel Kraft hat der verkümmerte Unterschenkel nicht. Also ist Hausfrauen-Tempo angesagt und das wird zähneknirschend akzeptiert. Doch es kommt noch schlimmer: Bereits leichte Steigungen decken mies auf, was ich ohnehin schon weiß: jaaaaahaaaa, keine Kraft in der Wade! Also muss das rechte Beinchen mehr leisten. Dennoch bin ich erleichtert und auch etwas stolz, als ich nach zweimal fünf Kilometern wieder zuhause ankomme.

 

 

 

8.7.2018: Spritztour: Sonne, Strand, kein Meer

Die letzte Thrombosespritze. Endlich! Und glücklicherweise, denn ich finde kaum noch Stellen am Bauch, an denen die Nadel halbwegs schmerzfrei reingeht. Von nun an muss ich übrigens vier Wochen warten, bis das DRK wieder was mit meinem Blut anstellen kann.
Wie erhofft, blieb die Rollerfahrt von letzter Woche kein einmaliges Erlebnis. Heute geht es mit der knatternden Schönheit und dessen Besitzer nach Dangast. Dort war ich noch nie, aber irgendwann ist ja immer das erste Mal. Dieses Mal bin ich auch adäquat gekleidet: Jeans, Jäckchen, Sneaker. Ich habe Picknick vorbereitet und so geht’s über süße Dörfchen Richtung Jadebusen. In Dangast herrscht zwar Ebbe, aber Ziel ist eh, im Sand zu liegen. Und das tun wir. Das Gehen im Sand ist in Sneakern übrigens rotze. Überraschenderweise klappt es in FlipFlops deutlich besser. Viel zu schnell vergeht die Zeit und der Rückweg steht an. Am Ende piepen die Ohren und der Poppes meldet sich auch. Dinge, die man gern in Kauf nimmt, für solch einen schönen Trip :-)

 

 

 

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