Mysteriöser Achilles Teil III – Von dem (jungen) Hüpfer lass ich mir den Sommer nicht versauen

 

30.5.2018: Die ersehnte MRT
Heute wird es endlich Gewissheit geben. Ein Freund fährt mich ins Krankenhaus. Zumindest das letzte Stück. Wir treffen uns auf halber Strecke. Aber auch dort muss ich erst einmal hinkommen. Da ich mit meinem Siebenmeilen-Stiefel nicht Auto fahren darf, muss ich ihn also wieder ausziehen. Da sich aber das Gehen ohne die Orthese bereits jetzt irgendwie seltsam anfühlt, beschließe ich kurzerhand, mein Schuhwerk zu modifizieren. Ich klebe zwei Keile, die man eigentlich beim Laminatverlegen als Wandabstandshalter benutzt mit Paketklebeband übereinander, dann mit doppelseitigem Klebeband in einen Sneaker und lege eine Frischesohle von Herrn Rossmann drüber. Perfekt! Für die kurze Fast-nur-Autobahn-Strecke wird's reichen.

Und dann ist es soweit. Es geht mal wieder ab in die Röhre. Schneller als mir von anderen Körperteilen bekannt, ist das Gepiepe und Gefiepe vorbei und ich darf mich wieder anziehen und das gerade abgefummelte Silber- und Titangeschmeide wieder anbamseln. Nun heißt es warten. Gefühlt ewig. Natürlich subjektiv. Endlich werde ich aufgerufen und mit dem Ergebnis konfrontiert. „Wurden sie tatsächlich 'nur' getreten? Sind Sie nicht umgeknickt? Unglaublich, dass dabei eine so folgenschwere Diagnose herauskommt.“ Sofortiger „Zusammenbruch“ meinerseits bei diesen richtungsweisenden Worten!
Die Bilder sind eindeutig: Totalruptur.
Auf meine Frage, warum der Ultraschall den Abriss nicht bestätigen kann, werde ich verwundert angesehen. „Wie? Nicht? Hmmm, vielleicht sitzt dann dort ein starkes Hämatom. Dann sieht man in der MRT gar nichts.“ Nun frage ich, was ich mir dieser Aussage bitteschön machen soll: „Das entscheide doch nicht ich, sondern Ihr Orthopäde.“ Dankeschön! Der wird mich anhand dieser Bilder aufschneiden. Da bin ich sicher.
Ich bin schon wieder ziemlich aufgelöst. So aufgelöst, dass ich stillschweigend hinnehme, dass die Dame noch zu mir sagt: „Naja, es ist ja kein Krebs!“ Im Nachhinein wünschte ich, ich hätte ihr nun volle Breitseite gegeben, denn es ist ja nun mal auch kein Schnupfen. Die Tante weiß nix von mir, geschweige denn, was eine OP für mich in meiner Lebenssituation bedeutet. Stumpft man in diesem Beruf irgendwann eigentlich gezwungenermaßen ab oder ist Empathielosigkeit Einstellungsvoraussetzung?
Wir verlassen das Krankenhaus.

 

Was mache ich denn nun? Ab nach Hause und wieder nonstop heulen? Nein, ich fahre direkt zur ersten Guerilla-Aktion meines aktuellen Projektes BremerFlow, um wie geplant mitzumachen und die Vollkatastrophe für ein paar Stunden, nun ja, nicht zu vergessen, aber sie auch nicht alles bestimmen zu lassen. Also raus aus dem Stiefel, wieder rein in den Selbstbau-Laminatkeil-Treter, ab zum Osterdeich, yes, da ist ein Parkplatz, raus aus dem Selbstbau-Treter, rein in den Stiefel, zügiges Gehumpel ins Viertel und da sind sie und singen schon schön. Ich bin nur vier Minuten zu spät und reihe mich ins Geschehen ein.

Im Anschluss an unser kleines Konzert untersucht Herwig, der eigene leidvolle Erfahrungen mit Abrissen hat, meinen Fuß und kann es auch nicht glauben. Die Mauke hängt ja nun wirklich nicht wie ein toter Fisch rum. Ich kann ansatzweise sogar kreisen. Verrückt! Er stellt im Laufe des Tages den Kontakt zu seinem Orthopäden her und prognostiziert, dass wir morgen dort vorstellig werden können.

 

Insgesamt war ich an diesem Tag trotz AirWalker und hochsommerlichen Temperaturen von 13 bis 18.30 Uhr für den BremerFlow unterwegs. Und es war definitiv die richtige Entscheidung, mich nicht einfach meinem Selbstmitleid hinzugeben.
Ein letztes Mal fahre ich nun Auto: nach Hause. Dort kippe ich erschöpft um, schicke Doc, dem Radiologen, aber noch ein paar MRT-Aufnahmen. Der Mann vom Fach verlangt nach den „Salami-Bildern“, die ich während des Wartens auf seinen Rückruf ebenfalls eingehend studiere. „Jennifer, eindeutig. Das Ding ist ab!“ Ja, ich sehe es selbst.

Im Salami-Querschnitt ist es ganz deutlich: Auf drei, vier Bildern ist nichts mehr zu sehen. Dort, wo eigentlich durchgängig eine schwarze Sehne verlaufen sollte, ist nur noch helles Gematsche! Auf meine Aussage, dass es nicht schlimmer sein könnte, erwidert Doc: „Doch! Du könntest bereits 75 Jahre alt sein und 100 kg wiegen!“ Ja, das stimmt. Meine körperliche Grundkonstitution kommt mir in dieser Angelegenheit sicherlich sehr zugute. Dennoch sind mir seine Worte gerade nur wenig Trost.
Mittlerweile habe ich literweise Tränen vergossen. Und es hört nicht auf.

 

Ohne den AirWalker fühle ich mich bereits jetzt unsicher. Besonders nach einem so langen Tag, besonders bei der Hammer-Diagnose. Nach dem Duschen stelle ich mich von nun an während des Abtrocknens auf ein zusammengerolltes Handtuch, um die Ferse weiterhin zu erhöhen. Schon jetzt habe ich das Gefühl, dass meine Kontrolle über den Fuß und seine Funktion nachlassen. Ich gehe keinen Meter mehr ohne Orthese. Nicht mal, nachts aufs Klo!

 

 

31.5.2018: Gips doch gar nicht!

Okay, es ist also wie es ist. Akzeptiere, was du nicht ändern kannst! Was nun, Google?
Unumgängliche OP. Insgesamt sechs Woche Gips. O% belasten für mindestens zwei Wochen.
Wie soll das denn funktionieren? Ich entdecke interessante Artikel über Deutschlands Versorgungslücken (www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/nach-der-op-wussten-sie-das-denn-nicht-12980934.html). Bombe! Mein Schicksal als Negativbeispiel von der FAZ aufgelegt.
Ich organisiere schon mal eine Haushaltshilfe über meine Krankenkasse, recherchiere nach Duschhockern und Entlasungsrollatoren und vor allem, wie man bei 0% Belastung mit Gehstützen Treppenstufen meistert. Und ich messe meine Beinumfänge, um nach der ganzen Schose nachvollziehen zu können, wie viel Muskulatur ich verloren habe und wieder fleißig aufbauen darf:
Oberschenkel-Mitte: 51 cm
Oberschenkel über dem Knie: 41 cm
Wade (dickster Punkt): 37 cm
Wade über dem Knöchel: 22 cm
Und krass, ich habe noch immer Tränenflüssigkeit. Aber mittlerweile auch ziemlich viel Wut über all die Fehl-Diagnosen, das Wechselbad der Gefühle, die verlorene Zeit, … Es hätte schon längst erledigt sein können. Nein, müssen!


Weil ich gestern so viel auf der rechten Zehenspitze gelaufen bin, um den Niveauunterschied zum Stiefel auszugleichen, bin ich heute ziemlich schlecht unterwegs: Denn nun habe ich zusätzlich heftigen Muskelkater in der rechten Wade sowie im Fuß. Aber der wird wieder vergehen.

Am Nachmittag holt mich Herwig ab und wir fahren durch Bremens einsetzenden Feierabendverkehr zu seinem Orthopäden. Eigentlich nimmt der Mann gar keine neuen Patienten mehr auf. Dank Herwigs VitaminB wurden wir dennoch „reingequetscht“. Ich hoffe inständig auf eine ambulante OP, denn mir graut es vor dem Gedanken, mutterseelenallein in einem Krankenhaus herumzuliegen. Ich möchte mich lieber zuhause auskurieren.
Der sympathische Arzt schaut nur kurz auf die MRT-Bilder und wirft dann sein Ultraschallgerät an. Er drückt und zieht an meinem Fuß. Ich drücke und ziehe auch: bäuchlings auf der Pritsche an der Pritsche. Verdammt, tut das weh. Aber ich finde es gut. Endlich wird da mal was gespannt.
Und hoppla! Ja, es spannt. Ich spüre es selbst, als die unglaublichen Worte von Arzt Nr. 7 erst an mein Ohr und dann in mein Gehirn dringen: „Sie ist nicht ab!“
Ich kann es nicht glauben. Anriss am obersten Ansatzpunkt der Sehne, aber noch genug Fasermaterial vorhanden, um selbst zu heilen. KEINE OP!
Ich könnte schon wieder heulen. Dieses Mal aus Erleichterung. Danke, Herwig! Danke, für diesen Arztbesuch! Ich bin mir sicher, mein Orthopäde hätte veranlasst, mich Anfang nächster Woche in die Vollnarkose zu bomben und meine Wade 12 Zentimeter aufzuschneiden.

 

Nun folgen vermutlich noch sechs Wochen Stiefel und demzufolge KEIN Autofahren.
Wirklich KEIN Autofahren!!! Doch welch ein Geschenk gegen das OP-Szenario.

 

 

 

1.6.2018: Reizloses Dasein

Heute Nacht hatte ich einen unschönen Fußkrampf, der sich ohne die Möglichkeit, das Bein adäquat zu strecken, nur schwer lösen ließ. Ich denke, es ist nichts weiter kaputt gegangen, aber mein Unterschenkel findet das Eingepferchtsein offenbar nicht so geil.
Am vierten Abend mit dem AirWalker verspüre ich bereits eine Art Taubheitsgefühl unter der Fußsohle. Es ist nicht wirklich taub, aber es fühlt sich irgendwie seltsam an. Offenbar fehlen mir die „normalen“ Reize, die ein Fuß sonst so den ganzen Tag über bekommt. Daher rubbele ich nun abends auf dem Sofa mit dem Fuß über einen groben Kissenbezug oder ähnliches. Morgen muss ich mal meinen gelben Igel-Ball suchen. Das Ding habe ich bisher nie wirklich gebraucht.
Die Schwellung ist auch elf Tage nach dem Vorfall noch immer ziemlich heftig, die Wade noch immer brett-hart. Allerdings geht das Hämatom nun deutlich zurück.

Ich telefoniere noch mal mit Doc und teile ihm die freudige Nachricht mit. Für alle, die sich nun denken: „Toll, der ist Radiologe und sagt auch, die Sehne ist ab, obwohl sie nicht ab ist!“ Ich möchte den Mann hiermit rehabilitieren: Ein paar abfotografierte MRT-Bilder, die ziemlich eindeutig sind und selbst im Krankenhaus den Befund „Total-Abriss“ hervorbringen, sind sicher nicht die beste Grundlage für eine Ferndiagnose. Ich mache ihm absolut keinen Vorwurf. Und er freut sich nach eigener Aussage über seinen neuen Lernerfolg, dass selbst klinisch eindeutige Bilder gar nicht so eindeutig sind.

 

 

2.6.2018: Aktionismus kommt auf
Welche Maßnahmen lassen sich ergreifen, um meine temporäre Einschränkung zu verbessern?
Als Erstes erstelle ich eine Meilenstein-Timeline im Ampelsystem, denn ich muss zugeben: schon an Tag fünf nervt der AirWalker gewaltig. Jeden Tag, den ich bereits geschafft habe, hake ich nun ab. Visuelle Motivation!
Außerdem kommt mir die Idee, einen Tretroller für Erwachsene zu ordern, mit dem ich mich besser, schneller und den Rest es Körpers schonender fortbewegen kann. Blöderweise kenne ich bewusst niemanden, der einen besitzt. Also frage ich rum und warte auf Rückmeldung.

Jeden Abend trainiere ich zudem eifrig Arme, Rücken und Bauch, um nicht rundum völlig abzubauen. Diese Aktivität entwickelt sich ganz nebenbei übrigens auch zur visuellen Motivation!
 

Mittlerweile bin ich mir fast sicher, dass die letzte Diagnose stimmt. Im Sitzen kann ich die linke Ferse ebenso vom Boden abheben, wie die rechte. Oder wie die Fachleute sagen: Plantarflexion und Dorsalextension sind, zumindest ohne Last, durchführbar.

 

 

3.6.2018: Risiken und Nebenwirkungen I

Seit Donnerstag (31.5.) habe ich keinen Menschen mehr gesehen. Das zieht mich ziemlich runter.
Für meinen Geschmack hat die soziale Verarmung viel zu schnell eingesetzt. Sicherlich auch aus dem Grund, dass ich selbst absolut nichts daran ändern kann. Einfach mal in die Stadt fahren, fällt ja auch flach. Glücklicherweise kann ich mich mit "Arbeit" ablenken. Nehmt mir jetzt noch den PC und ich garantiere für nichts mehr.
Jede Thrombosespritze hinterlässt einen kleinen, temporären Gruß auf meinem Bauch. Mittlerweile sieht meine Körpermitte aus wie ein Dalmatiner. Nur, dass ich für diese Rasse aktuell irgendwie zu braun bin und die Flecke blau statt schwarz. Ach, da wäre auch noch die Sache mit dem Fell… 
Aber Spaß beiseite.
Ich spritze zwar nicht zum ersten Mal, aber es kostet immer wieder Überwindung, die Nadel in die Speckfalte zu rammen. Gelegentlich brennt die Einstichstelle stark und sehr lange. Dann und wann wird mir kurz schwindelig.
Da mein linkes Bein dank des Stiefels etwa zehn Zentimeter länger ist als das rechte, gehe, nein humpele ich total schief. Das schießt mir unschön in den Rücken.
Die Wade ist an der Trittstelle noch immer knüppelhart und der gelbe Igelball noch immer verschwunden. Wo ist der nur?


Doch es gibt auch Grund zur Vorfreude: Die Tretroller-Idee nimmt Form an. Bräutigam Johannes hat einen Kumpel, der mir seinen leihen würde. Und passenderweise besuchen mich Lena und Johannes kommenden Samstag. Nur noch sechs Tage. Ich freue mich schon jetzt auf meine neu gewonnene Mobilität. Vorausgesetzt die Idee lässt sich umsetzen.

 

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