Mysteriöser Achilles – Teil X "Das letzte Kapitel" Von dem (jungen) Hüpfer lass ich mir den Sommer nicht versauen

 

21.5.2019: Ein Jahr danach

„Wie ist denn das passiert?“, wurde ich vielfach gefragt. Meine Antwort: „Ich wurde getreten!“
Einmal schloss sich die Nachfrage an: „Von einem Pferd?“ … „Nein! Von einem Mann!“

Obwohl mich dieser witzige Dialog damals sogar zum Schmunzeln brachte, kann ich auch ein Jahr nach dem Unfall keineswegs über das lachen, was mir im Mai 2018 widerfahren ist. Man sagt ja, alles ist für irgendetwas gut. Aber in dieserspeziellen Angelegeheit fällt es mir wirklich schwer, einen tieferen Sinn in diesem Unglück zu erkennen.
Dennoch. Ich will es versuchen:

 

Diese Verletzung hat mich Demut gelehrt.
Grundsätzlich weiß ja jeder von uns, wie wichtig die eigene Gesundheit ist, aber erst wenn es hart auf hart kommt, versteht man, was Gesundsein wirklich heißt und welche Bedeutung und Auswirkung körperliche und psychische Unversehrtheit auf einen selbst und das direkte Umfeld haben. Für mehr als fünf Wochen war ich komplett auf meine Mitmenschen und ihr Wohlwollen angewiesen. Totale Abhängigkeit. Ein Zustand, der für mich die Hölle war, denn meine Selbstständigkeit ist mir seit jeher heilig. Nicht Autofahren zu können/dürfen … schon das allein der absolute Horror! Noch schlimmer belastete, die anfangs akut drohende OP. Jeder, der weiß, wo ich wohne, ahnt, vor welche Probleme mich dieses Szenario gestellt hätte … und zeitweise auch ohne OP hat.

 

Für weitere zwei Wochen war ich – selbst durch das 'nur noch' temporäre Tragen der Orthese außerhalb meiner heimischen Gefilde – weiterhin drastisch eingeschränkt und nur wenig mobil. Jeder unnötige Weg wurde vermieden. Stattdessen weilte ich im Supersommer einfach (im meinem glücklicherweise sehr schönen) Zuhause. Spaß blieb auf der Strecke, wenig soziale Kontakte, nicht selten habe ich tagelang niemanden gesehen oder gesprochen … Und all das ohne eigenes Verschulden.

Zwar hatte ich fest beschlossen, mir den Sommer 2018 nicht versauen zu lassen, aber dennoch musste ich natürlich viele Einbußen in Kauf nehmen: kein Klettern, kein Tanzen, keine Slackline, kein Lauftraining und natürlich auch keine Wettkämpfe. Auch nicht die bereits gemeldeten :-/


Stattdessen unzählige Wochen intensives Training, tägliches Dehnen, Strecken,
Faszienrolle, Wechselbäder, … mehrfach die Woche Physiotherapie. Sau-schmerzhafte Physiotherapie, die mir gelegentlich die Tränen in die Augen trieb.

Die Leiden, die vielen Stunden für Arztbesuche, Physio, Training sowie die dafür angefallenen Benzinkosten sind kaum zu beziffern.
Doch einige Kosten lassen sich veranschaulichen:
- Heparin60000-Salbe: 10 Euro

- Zuzahlung AirWalker (Orthese): 10 Euro

- Zuzahlung Thrombosespritzen: 3× 10 Euro

- Zuzahlung Physiotherapie: 3× 21,76 Euro
- BalanceBoard: 15 Euro
- Sport-Bikini fürs AquaCycling: 17 Euro
- Aquaschuhe fürs AuaCycling: 10 Euro

- zwei Igelbälle: 8,70 Euro

Summa summarum ergeben sich daraus allein 165,98 Euro reiner Invest in Therapie und Hardware. Vom reellen Ausfall meiner Arbeitsleistung spreche ich mal nicht.
Doch das ist nur Geld.

 

Viel schlimmer drückte über all die Wochen und Monate die Ungewissheit: Wann wird eine Besserung eintreten? Was behalte ich zurück? Wird es je wieder so werden, wie es vorher war?
Heute kenne ich einige Antworten:
Wird es je wieder so werden, wie es einmal war? Die Antwort lautet 'Nein'! Die Verdickung meiner linken Achillessehne wird für immer ein Andenken an die Hochzeit meiner besten Freundin bleiben. Die betroffene Fessel misst noch heute überm gemessen Knöchel 21 Zentimeter, die rechte dagegen nur schlanke 20 Zentimeter.

An der dicksten Stelle der rechten Wade zeigt das Maßband 34,5 Zentimeter. Der linken Wade fehlt es hingegen mit 33,5 Zentimetern nach wie vor an Muskulatur. Sie ist immer noch sichtbar zu dünn.
Auch das permanente Spannungsgefühl im linken Unterschenkel wird mich wohl noch einige Zeit begleiten. Trotz meines Engagements bin ich also ein Jahr nach dem Unfall längst nicht dort, wo ich sein möchte.

Frustrierend!

 

Doch ich will noch einmal versuchen das Positive zu fokussieren:

Wofür war dieser Vorfall gut?

Unglaublich viele liebe Menschen waren in dieser schweren Zeit für mich da. Besonders solche, von denen ich es am wenigsten erwartet habe. Zum Beispiel, weil ich sie erst wenige Wochen kannte.
Mein Dank geht daher als allererstes an

Herwig Renkwitz
Lieber Herwig, ohne dich hätte ich ganz gewiss unnötig unterm Messer gelegen. Du hast den Kontakt zu meinem behandelnden Arzt und zu meinem wunderbaren Physio-Therapeuten hergestellt. Du hast mich gefahren, als ich es selbst nicht durfte. Sowohl motorisiert, als auch nachts mittels Pedalkraft auf deinem Gepäckträger durch Bremens City :-)
Du hast mich in Rekordzeit wieder "fit" bekommen: PowrPlate, AquaCycling, Übungen im Wasser, mir Motivation und Zuversicht gegeben, … Ohne dich hätte all das deutlich länger gedauert. Oder mein Zustand wäre im schlimmsten Fall sogar auf einem unbefriedigenden, niedrigen Niveau stagniert.
All das werde ich dir nie, nie, nie vergessen!

 

„Jennifer, du fragst ja nicht! Also komme ich diesen Freitag einfach vorbei! Ich hole dich ab, wir fahren zusammen einkaufen und haben einen schönen Abend miteinander!“ So oder sehr ähnlich formulierte Antje Prager ihre „Drohung“ und kündigte damit ihre selbstlose Hilfe an.
Auch du Antje hast mir zu jederzeit deine Unterstützung in allen Belangen angeboten. Zusammen mit Herwig wolltest du mich sogar aus dem Harz abholen und mein Auto nach Bremen überführen, als noch nicht klar war, wie ich es überhaupt zurück in die schöne Hansestadt schaffen werde.

Ich freue mich so, dich zu kennen, im Fall der Fälle an meiner Seite zu wissen und erinnere mich gern an den lauschigen Sommerabend mit Zucchini-Hähnchen-Pfanne auf meiner Terrasse.

 

Lena und Johannes Kälber „Wir haben einen Automatikwagen. Wollen wir Autos tauschen?“ Allein für dieses Angebot am Tag nach euer Hochzeit könnte ich euch noch immer knutschen – selbst, wenn ich es nicht angenommen habe. Auch ihr zwei kamt in einer Phase, in der ich permanent an mein Hause gefesselt war, nach Bremen und habt mich mit einem liebevoll zusammengestellten Care-Paket betüddelt und einer gemeinsamen Fahrt zum Einkaufen mit anschließendem Grillen versorgt.
Es heißt Freundschaft, weil man mit Freunden alles schafft!
Danke! Danke! Danke!


Vielen Dank an meinen kompetenten Physiotherapeuten Carsten Walther alias Quälix ;-) So viele Stunden habe ich bei dir auf der Pritsche verbracht und liege da gelegentlich auch heute noch. Zwar wegen anderer Wehwehchen, aber nicht minder gern. Auch wenn du mir oft schlimme Schmerzen bereitet hast, waren die Besuche bei dir immer unterhaltsam und eine willkommene Ablenkung von meinem tristen, meist einsamen Alltag.

 

 Ein dickes "Dankeschön" an Dr. Matthias Reick, der als siebter Arzt endlich erkannt hat, was wirklich los ist und NICHT operierte!!!

 

Ich danke …

Christoph Witte für die Erstversorgung und telefonische Beratung: "Schick mal bitte die MRT-Bilder, die aussehen wie Salamischeiben!" :-)

 

… Andrè Wetjen für das Ablenken in 1000 Lebenslagen; sei es mit Bierchen auf meiner Terrasse oder beim Baden und am Bootssteg.

 

 Hans Imhoff für das Gießen meines Gartens, als ich mich nicht mal selbst, geschweige denn volle Gießkannen hätte befördern können.

 

… Kathi Hasenlust für den aufwändigen Krankenbesuch in Bremen-Strom sowie den WM-Humpelausflug in den White Pearl Beach Club mit anschließendem Essen an der Schlachte.


Axel Pohl für Einkaufsfahrten, Roller-Ausflüge, den ersten ungewollten Fahrrad-Härtetest im Kroatien-Urlaub, die Reparatur meiner Autotür und unbezahlbare Zuwendungen in schlimmen Zeiten und dunklen Momenten.

 

 

KEIN Dank hingegen geht an den Verursacher dieser Leidensgeschichte, die hiermit ihr Ende finden soll. Eine ordentliche Entschuldigung für all die Einschränkungen aufgrund seiner Unachtsamkeit hat es bis heute nicht gegeben.

Was bleibt ist also die Erkenntnis, dass auf diesem Planeten ganz wunderbare und gleichzeitig sehr seltsame Menschen einträchtig nebeneinander leben. Wer uns guttut und mit wem wir uns umgeben wollen, entscheiden wir selbst ganz allein!

Bleibt gesund und passt auf euch und eure Lieben auf!

Eure Jennifer

 

 

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