Mysteriöser Achilles Teil IV – Von dem (jungen) Hüpfer lass ich mir den Sommer nicht versauen

4.6.2018: Risiken und Nebenwirkungen II

Heute Nacht habe ich neun (!) Stunden geschlafen. Und ich hätte nicht aufhören müssen, aber nach 60 Minuten hat der Wecker echt genervt. Vielleicht sollte ich meine Bachelorarbeit noch um das Kapitel „Erhöhtes Schlafbedürfnis bei Schwangerschaft, Krankheit und Verletzung“ ergänzen.

 

Was mein Schuhwerk angeht: Elegant ist anders. Und das betrifft nicht nur die "space-ige" Optik. Dank meines Watschelgangs habe ich gerade eine Müslischale vom Tablett gehauen. Glücklicherweise erst nach dem Frühstück, also im leeren Zustand. Aber hey, Scherben bringen ja bekanntlich Glück.
Kürzlich bin ich mit meinem Riesenstiefel im Bad unter der Malm-Kommode hängengeblieben. Die Abplatzer werde ich irgendwann mal kaschieren, wenn ich keine anderen Probleme habe. Ab nun passe ich besser auf, wo ich den Quadratlatschen parke.
Auch der Klett des Stiefels wird mir wohl noch die ein oder andere Klamotte versauen. Ich versuche auch dahingehend aufzupassen.

 

Was meinen Lebensmittelbestand angeht, bin ich echt gut ausgestattet. Täglich singe ich ein internes „Hoch“ auf meine Vorratshaltung. Sollte also mal eine Katastrophe nahen – also eine andere, nicht nur mich, sondern die Weltwirtschaft betreffende –, passt das wohl soweit. Dennoch geht natürlich mein Frische-Vorrat knapp eine Woche nach dem letzten Einkauf zur Neige. Es ist schließlich erst Anfang Juni und längst nicht Erntezeit. Sonst hätte ich auch mal meinem Garten etwas entnehmen können. Allmählich fehlt es an Milch, Brot, Obst und Gemüse, … aber gut, eventuell komme ich morgen mal raus. Die Aussicht auf einen Einkauf mit anschließendem Kinobesuch schwebt gerade nebulös im Raum. Und ich freue mich riesig darauf, obwohl mein seit 4,5 Jahren chronisch schmerzendes Steißbein definitiv etwas gegen diese sitzende Freizeitgestaltung haben wird.

 

 

5.6.2018: In einer weit entfernen Galaxie …

Das regelmäßige Piepen eines Rauchmelders weckt mich. Das Gerät möchte mich mit diesem lieblichen, dezenten Ton darauf hinweisen, dass die Leistung seiner Batterie allmählich zur Neige geht. Ich werfe einen verstohlenen Blick auf die Uhr. Kann ich das Problem noch ein paar Minuten aussitzen? Möglicherweise ist ja eh schon Aufstehzeit. Nein, ist es nicht! Es ist ziemlich genau Fünf. Kann ich das Gepiepe noch zwei Stunden ignorieren? Nein, definitiv nicht. Also rein in den Stiefel. Welcher Rauchmelder ist es wohl? Zwei Intervalle muss ich noch abwarten, bis ich das Ding entlarvt habe: Es ist das Exemplar im Essbereich. Trittleiter holen … jetzt? Nö! Schlaftrunken und etwas waghalsig steige ich mit dem unbestiefelten Fuß auf einen meiner Eames-Chair-Nachbildungen, die sich nicht gerade durch Stabilität auszeichnen. Aber auch der Original-Stuhl wäre nicht stabiler gewesen. Diese Sitzmöbel brillieren schließlich nicht durch Stabilität, sondern durchs Design. Glücklicherweise geht bei dieser dummen Aktion alles gut und ich hau mich wieder hin.
Etwa zwei Stunden später verrät mir der Radiowecker, dass sich heute zum siebten Mal der bundesweite „Aktionstag gegen den Schmerz“ jährt und fühle mich irgendwie persönlich angesprochen.  Was es doch so alles gibt.

 

Um 18.30 Uhr werde ich tatsächlich zum Kino abgeholt. Vorher wird aber noch der nötige Einkauf erledigt. Einmal pro Woche sollte es schon sein. Erstaunlich, dass es Situationen im Leben gibt, in denen sogar Einkaufen im Delmenhorster Aldi erbaulich ist.
Die Schmerzen im Steiß während des Kinobesuchs sind besser als erwartet. Der Film auch. Obwohl ich Harrison vermisse. „Solo – Eine StarWars-Story“ kann man sich aber definitiv anschauen. Während der Vorstellung ziehe ich meine Orthese und auch den rechten Schuh aus. Man will es schließlich bequem haben. Obwohl der Weltraum-Stiefel im Kontext gar nicht auffällt (siehe Kulisse oben) ;-)

 

 

6.6.2018: So schnell kann's gehen

Meine Krankenkasse hat mich im einem Informationsgespräch vor einigen Tagen darauf hingewiesen, dass aus der ganzen Angelegenheit möglicherweise ein Schmerzensgeldanspruch hervorgehen könnte. Auf die Idee bin ich gar nicht gekommen. Einen Obolus für diesen Mist würde aber definitiv nicht ablehnen. Zumal ich ja von der Hochzeit nicht nur Schmerzen und langwierige Einschränkungen mitgenommen habe, sondern damit verbunden auch die ein oder andere Ausgabe. Ich rufe daher meine Rechtsschutzversicherung an und später noch einen Anwalt für Personenschäden, aber beide schätzen die Chancen als eher gering ein. Also werde ich dem Ganzen nicht weiter nachgehen.

Am Montag (4. Juni) hatte ich ein Telefoninterview. Heute Mittag folgt trotz meiner Verletzung das dazugehörige Vorstellungsgespräch. Weil ich nicht zum Unternehmen kommen kann, kommt das Unternehmen zu mir. Beziehungsweise zu Spille. Das „Hotel zur Ochtumbrücke“ ist das einzige Lokal, das Bremen-Strom zu bieten hat. Die 400 Meter watschele ich unter Zuhilfenahme meiner Gehhilfen ab. Das klappt ganz gut. Mit gebeugtem, bestiefelten Bein fange ich Niveauunterschied von etwa zehn Zentimetern zum rechten Äquivalent weitestgehend auf. Aber schon verrückt, welch absurde Situationen sich trotz oder gerade wegen meines „Zustands“ so ergeben.

 

Abends beim Kochen hat mein Gehirn dann einen Aussetzer: Bei Mark Forsters Interpretation von Judith Holofernes' Song „Oder an die Freude“ mache ich einen kleinen, enthusiastischen Seit-Hüpfer. Offensichtlich hat mein Körper die Schnauze voll und möchte sich endlich wieder bewegen. Wie sehr sich beim Springen und beim Landen die Wadenmuskulatur anspannt, wird mir just in den Momenten bewusst, in denen ich springe und lande. Geschockt über meine eigene Beklopptheit bleibe ich wie angewurzelt stehen. Die linke Wade brennt. Vielleicht auch nur vom Schrecken. Ich beobachte, befragte und betaste im Laufe des Abend das Areal mehrfach und glaube, dass ich mir keinen weiteren Schaden zugefügt habe.

 

 

7.6.2018: Der eine kommt, die andere geht

Tretroller Nummer 1 ist da. Ein Freund bringt ihn vorbei und leistet mir den Nachmittag über Gesellschaft. Offensichtlich gibt es doch einige Menschen, die ein solches Gefährt besitzen. Zumindest in irgendeiner Ecke im Keller. Die Testfahrt offenbart, dass ich beim Rollern auf einen ziemlich ebenen Untergrund angewiesen bin. Ansonsten gibt es „Schläge“ ins Bein.
Apropos Bein: Es ist soweit. Die linke Wade scheint bereits nach zweieinhalb Wochen sichtbar dünner zu sein als die rechte. Der Experte würde sagen, sie atrophiert. Was meine Augen vermuten, bestätigt später das Maßband: links 35,5 cm, rechts die bekannten 37 cm. 1,5 wertvolle Zentimeter Muskelmasse sind somit dahin. Mir war klar, dass das passieren wird, aber erschreckend, dass es sooo schnell geht. Bye, bye!

Entgegen Herwigs ausdrücklichem Badeverbot war ich heute endlich wieder im Fluss. Hallloooooo! 30 Grad und so! Mit dem Stiefel ging es den Deich runter bis auf den Steg und das Ponton, wo das „Monster“ schließlich ausgezogen wurde. Ich habe aufgepasst wie ein Luchs, mich dank meiner Armkraft sanft ins Wasser gehoben und später wieder hinaus. Und ich war ja auch nicht allein, für den Fall, dass doch irgendwas schief geht.
Was in der „freien Wildbahn“ bestens funktionierte, sah beim abendlichen Reinemachen dann leider anders aus. Ein kleiner Rutscher in der Dusche und automatisch spannt sich die Wade an. Und wieder brennt es. Bei jeder ungeplanten Kontraktion (Rutscher in der Dusche gibt es leider regelmäßig) habe ich das Gefühl, dass die Schwellung einen neuen Push bekommt, denn sie lässt einfach nicht nach.


 

8.6.2018: Läuft!
Heute Abend findet der Braunschweiger Nachtlauf statt. Aber die Bande läuft ja einfach ohne mich :-/ Dabei war ich direkt vor der Hochzeit seit Langem mal wieder richtig in Bestform. Schade, aber nicht zu ändern. Erfreulicherweise ist es mir heute noch auf den letzten Drücker gelungen, meine Startberechtigung für die 9,6km-Strecke zu verkaufen und so einen anderen Menschen glücklich zu machen. Patrick geht also heute Abend vermutlich als „Jennifer“ an den Start. Viel Erfolg!

 

 

9. + 10.6.2018: Socialising-Time
Heute Nacht gab es mal wieder einen Wadenkrampf. Das nervt echt und ist ja auch ohne Achillessehnenanriss schon höchst unangenehm. Aber was soll man machen?
Weniger krampfhaft verläuft dann glücklicherweise der Rest des Wochenendes: Lena und Johannes besuchen mich und bringen Tretroller Nr. 2 mit. Der ist allerdings nicht besser als Exemplar 1 und fährt daher wieder mit zurück nach Braunschweig. Ansonsten gibt es für mich noch einen schönen Blumenstrauß und ein Anti-Langeweile-Körbchen mit Zeitschriften und Frustbewältigungsmaterial wie Chips, Keksen und meinem Highlight: einem Fluch- und Schimpfmalbuch für Erwachsene. Geiel! Weltbild beschreibt den Artikel wir folgt: „Dieses liebevoll gestaltete Malbuch hilft Ihnen, die Probleme des Alltags hinter sich zu lassen, wenn Sie Ihr Leben mal wieder so richtig ankotzt. …“ Was für ein cooles Geschenk!

 

 

 

Und dann passe ich schon wieder nicht auf. Mit meinem Monster-Stiefel erwische ich meinen anderen Fuß, der sich nur in einem FlipFlop befindet. Resultat: Ein zertrümmerter Zehnagel :-/
Fürs Erste muss ein Pflaster reichen, denn nun fahren wir erst einmal zum Einkaufen. Und das dauert …
Samstag ist eben einfach der beste Tag, wenn man auf Anstehen an der Pfandrückgabe und der Kasse steht. Mit der Zeit werden wir – zumindest Lena und ich – allmählich echt „hangry“. Kein Bock mehr! Warm! Aber irgendwann ist es schließlich geschafft und die Strapazen werden auf meiner Terrasse mit frischen Erdbeeren und Vanilleeis vergessen gemacht.

Der Rest des Wochenendes besteht aus Baden, Grillen, Pancakes, Schnacken und Rumgammeln.
 

 

 

P.S.: Im Laufe des Tages reiften übrigens andere Ideen bezüglich des Trümmer-Nagels: Mit Sekundenkleber habe ich den noch halbwegs stabilen Nagel fixiert, glatt gefeilt, Nagellack drüber gepinselt und tadaaaa!!! In vier Wochen sollte das Malheur Geschichte sein.


P.P.S.: Weil ich entweder ein Pechvogel bin oder die Strafe sprichwörtlich „auf dem Fuße“ folgt, kackt mir beim Grillen noch ein Vogel auf selbigen :-/
 

 

 

11.6.2018: Ein-Burger-ung
Was in all der schwierigen Diagnosen-Findungsphase völlig untergegangen ist, war die eventuelle Notwendigkeit, sich eine Krankmeldung ausstellen zu lassen. Das wird nun also nachträglich organisiert. Ein Rückdatieren auf den Tag es Vorfalls ist zwar nicht möglich, aber der Tag der Erstbehandlung ist ja auch schon mal was.
Ansonsten habe ich für heute wieder „Programm“: Meine Freundin Marjolein wird nachmittags im Bremer Rathaus einbürgert. Stellt sich nur die große Frage, wie ich dort hinkomme. Okay, mich abzuholen ist ja noch nicht die Herausforderung, aber man kann man ja schlecht mit dem Auto direkt vors Rathaus vorfahren. Was also tun? Die Wahl fällt wieder aufs Fahrrad. Wir befestigen meine Krücken wieder einmal elegant am Fahrradrahmen und platzieren mich auf Jans Gepäckträger. Erfreulicherweise funktioniert das ganz wunderbar, obwohl ich bislang keinerlei Erfahrungen im Mitfahren auf Gepäckträgern hatte. Anfangs erwischt Jan ein-, zweimal beim in-die-Pedale-treten meinen Stiefel latent mit dem Fuß, was dann wohl zum unbemerkten Verlust einer Abdeck-Kappe führte. Nach wenigen hundert Metern klappt der Krankentransport jedoch ganz famos und ich werde direkt vorm Eingang des Rathauses abgeladen.

 

Nach der Einbürgerung gibt’s erst eine Runde Bierchen bei Beck's. Später huldigen wir dem Festakt stilvoll auf der sonnenbeschienenen Domtreppe: mit Mäkkes-Zeugs. Es heißt doch schließlich nicht umsonst Ein-Burger-ung! Ein gelungener Abschluss des Tages, der noch eine Überraschung bereit hält: Auf dem Rückweg findet Marjolein meine Abdeck-Kappe wieder :-D

 

 

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