Mysteriöser Achilles Teil II – Von dem (jungen) Hüpfer lass ich mir den Sommer nicht versauen

25.5.2018: Die Horrordiagnose
Ich brauche eine Orthopäden! Startschuss für den Telefon-Marathon.
Zuerst rufe ich logischerweise in meiner eigenen Praxis an und ergattere einen Termin für den 29.5. Eigentlich gar nicht schlecht. Sonst wartet man ja Wochen lang darauf, die seltene Spezies "Knochendoktor" mal zu Gesicht zu bekommen. Dennoch dauert mir das zu lang. Ich habe ein ungutes Gefühl und telefoniere weiter. Die nächste Praxis mit halbwegs annehmbaren Online-Bewertungen hat auf lange Sicht gar nichts frei, empfiehlt mir aber einen Arzt, der „Notfälle“ annimmt. Allerdings nur in einem kleinen Zeitfenster ab 8 Uhr! Es ist 9.20! Aber egal, ich rufe sofort dort an. Die Dame am Telefon bittet mich inständig, unbedingt vor 10 Uhr da zu sein. Jeder, der weiß, wo ich wohne und sich vorstellen kann, in welch rasender Geschwindigkeit ich aktuell unterwegs bin, versteht die Herausforderung, die mich nun erwartet. Reine Fahrzeit, vorausgesetzt  es läuft gut: 21 Minuten. Also Anziehen, Tasche packen und los. Eigentlich wollte ich ja erst einmal kein Auto mehr fahren, aber was soll's? Und überhaupt: Schließlich habe ich die 300 km aus dem Harz auch gepackt. Da werde ich ja wohl durchs Bremer Stadtgebiet kommen. Ahhh, verdammtes Schalten.

9:55 parke ich auf dem Hof der Praxis. Eingang – Fahrstuhl– Punktlandung. Ich bin die letzte Patientin, die an diesem Tag angenommen wird und darf umgehend zum Röntgen. Dann aber dauert es. Und dauert. Irgendwann ziehe ich den linken Schuh aus, weil ich ihn nicht mehr ertragen kann und werde schnell auf das nun sichtbaere bunte Farbenspiel in meinem Fuß angesprochen. Schnacken im Wartezimmer verkürzt wenigstens die Zeit. Zumindest subjektiv.
Als man mich endlich in den – ich sage mal „wohltemperierten“ – Behandlungsraum ruft, bin ich gespannt wie ein Flitzebogen, welche Diagnose mich nun erwartet. Die bereits aufgerufenen Miniaturen auf dem Bildschirm, die den knöchernen Aufbau meines Fußes zeigen, sind leider zu klein, um irgendetwas zu erkennen. Ok, ok, ich warte.
Ich hätte jedoch nicht gedacht, dass ich tatsächlich nochmals über 45 Minuten Geduld beweisen muss, bis sich wieder eine Tür öffnet und werde allmählich wütend. Aber es ist, wie es ist. Irgendwann kommt der Arzt schließlich herein und erkennt sofort: „Sie … haben keine Schuhe mehr an!“ Richtig! Guter Mann!
Dann das typische Prozedere: Vorfall erklärt, bäuchlings auf die Pritsche, ein kräftiger Griff des Arztes an die rechte Wade, danach an die linke und dann die unglaublichen Worte: „Ihre Achillessehne ist durchgerissen!“ Der sogenannte Thompson-Test ist positiv. Eindeutige Diagnose: Total-Abriss.

Noch auf der Pritsche beginne ich zu weinen, denn ich weiß sofort, was das bedeutet. Diesen Horror wollte ich mein Leben lang nicht erleben. Es gibt kaum eine schlimmere (Sport-)Verletzung. Und nicht nur, dass ich es nicht wahrhaben will: Ich kann es auch einfach nicht glauben. Wie ich nun einmal bin, argumentiere ich vehement gegen diese verheerende Diagnose: Das könne nicht sein. Ich wäre ja viel zu gut unterwegs für einen Abriss. Doch als mich der Arzt anweist, mich dann doch bitte mal auf die Zehenspitze zu stellen, muss ich kapitulieren. Unmöglich :-(
Ich erhalte sofort einen Einlieferungsbeleg ins Krankenhaus. Dann verlassen mein desaströses Gangbild und ich die Praxis. Noch auf dem Parkplatz rufe ich unter Tränen im Krankenhaus an und erhalte die Möglichkeit, mich sofort mehrere Stunden in die Notaufnahme zu setzen oder am Montag um 11 Uhr vorbeizukommen. Okay Montag. Mitbringen soll ich meine Krankenkassenkarte, den Einlieferungsbeleg und die Röntgenbilder. Ohne machen die gar nix. Au Backe. Die Röntgenbilder! Gut, dass ich noch vor der Praxis stehe. Blöd, dass ich nicht mehr reinkomme. Ich rufe oben an. Die sind ja noch da. Aber es geht natürlich niemand ran. Ich klingele Sturm. Vergebens. Aber die sind ja noch da!!! Ich humpele also zum Restaurant an der Vorderseite des Gebäudes in der Hoffnung, dass es einen Zugang zum möglicherweise gemeinsamen Treppenhaus gibt. Fehlanzeige. Unter die aufkommende Verzweiflung mischt sich nun der Ärger darüber, dass mir die Bilder nicht einfach ungefragt übergeben wurden. Ich bin ja sicher nicht die einzige Patientin, die von dieser Praxis mit einer solchen oder ähnlichen Diagnose ins Krankenhaus überwiesen wird.
Ratlos humpele ich zurück Richtung Parkplatz und sehe zwei der Arzthelferinnen, die gerade ihren Feierabend mit Glimmstängeln einläuten. Auf mein Anliegen hin, wird mir erklärt, das System sei nun schon heruntergefahren. Sie kämen nicht mehr an Bilder heran. Das Hochfahren würde wieder eeeeeeeeeeeeeeewig dauern. Ob ich nicht Montag nochmal kommen könne … Schließlich erklärt sich eine der beiden Damen dann doch bereit, mir wenigstens Ausdrucke der Röntgenbilder anzugfertigen.
Check! Nun endlich ab nach hause. Ich bin fertig. Die 30-minütige Heimfahrt verbringe ich heulend hinterm Steuer. Zuhause geht der Google-Marathon geht weiter. Und auch das Geheule.

Am späten Nachmittag besuchen mich Freunde und stoppen endlich meinen Tränenfluss. Zur Aufmunterung gehen wir gemeinsam wieder baden. Das hat gestern ja gut geklappt. Auch wenn mein Weg bis zur Ochtum nach wie vor etwas unorthodox verläuft. Den Deich runter geht's gut, aber wieder hoch komme ich nur rückwärts. Dafür schaffe ich es immer besser ins und aus dem Wasser. Allmählich scheine ich die Ein-Bein-Methode zu perfektionieren.

 

 

27.5.2018: Zeit, was Schönes zu machen
Ich habe mir einen Totalabriss immer anders vorgestellt. Nicht, dass es nicht schmerzt, oh doch, das tut es, aber ich kann den Fuß ja irgendwie benutzen. Noch zumindest. Das wird nach der OP erst einmal vorbei sein. Ich trage nun eine geliehene Stütz-Manschette und habe das Gefühl, dass sie mir hilft.

Um mich auf andere Gedanken zu bringen, ordern meine Freunde ein Kanu in Borgfeld. Und der Plan geht auf. Wir haben einen schönen Sommertag auf der Wümme, an dem ich schon mal meine Arme und meinen Rücken trainiere. Diese werde ich wohl bald dringend zu Fortbewegungszwecken benötigen.
Wir kehren diverse Male entlang der Wümme lecker ein, sehen Austernfischer und Schmetterlellen, die eigentlich „blaue Königslibelle“ heißen, und chillen in der Sonne. Leider geht’s für mich dieses Mal nicht mit ins Wasser. Ich habe zu viel Respekt davor, auf den Steinen auszurutschen und mir noch Schlimmeres zuzuziehen. Wobei? Geht's überhaupt noch schlimmer?
Nach der sechseinhalbstündigen Paddeltour kaufen wir uns noch ein Eis und fahren fix an den Unisee. Dort kann ich mich nämlich mit den Gehhilfen, die ich konsequent Krücken nenne, direkt bis zum Ufer transportieren und dann selbst ins Wasser heben. Endlich eine Abkühlung. Wie schön!

 

 

28.5.2018: Krankenhaus, OP und dann?

Meine Freunde fahren mich ins Krankenhaus. Dort erfolgt heute der Ultraschall und dann soll besprochen werden, wann und wie die OP durchgeführt wird. Keine Ahnung warum, aber obwohl ich in meinem Leben schon zwei Vollnarkosen und diverse Operationen hatte, graut es mir vor diesem Eingriff und seinen Folgen. Mein Gegoogle hat leider wenig entlastendes Material ausfindig machen können: Konservative Therapien würden meist zu schlechteren Ergebnissen führen als eine Operationen. Aufgrund der nötigen Vollnarkose wird eigentlich immer stationär operiert und minimal-invasive Eingriffe an der Achillessehne sind meist nicht durchführbar. Schon gar nicht, wenn bereits so viel Zeit verstrichen ist, wie in meinem Fall. Worst Case.

 

Arzt Nr. 4 untersucht mich nun also eingehend. Während er mit dem Ultraschallkopf das geschädigte Areal untersucht, beugt und streckt er meinen Fuß. Zu meiner Überraschung und ausdrücklichen Erleichterung kann er jedoch den von Arzt Nr. 3 diagnostizierten Abriss nicht bestätigen. In keiner Fußstellungg ist eine Lücke in der Achillessehne zu sehen.
Heureka! Wahnsinn! Ich raste aus!
Der Mann vermutet einen Muskelfaserriss. Ach guck, die Diagnose hatten wir schon mal. Um sicher zu gehen, ordnet er eine MRT an und verabschiedet mich mit den Worten: „Frau Pluskat, ich bin mir ziemlich sicher, dass wir uns nicht wiedersehen werden.“ Aber egal wie wo was es nun wirklich ist, es sollten langsam wirklich mal eine Orthese und Thrombosespritzen her.

 

Beschwingt verlasse ich mit meinen Freunden das Krankenhaus. Und weil wir schon fast da sind, fahren wir nun zu IKEA. Ich bin gut gelaunt und werde schon wieder positiv überrascht: Bei IKEA können Besucher ganz unkompliziert einen Rollstuhl leihen. Da achtet man ja nie drauf.
Das Rollgerät wird geordert und dann folgt das typische Programm: Hotdog, Limo, Stöbern, Kaffee, Markthalle, …

Meine zweite Rolli-Erfahrung ist nun also tatsächlich eine „echte“ und beruht nicht auf einer UserExperience für Designzwecke. Und ich muss sagen: Mit dem Rolli durch das schwedische Möbelhaus funktioniert tausendmal besser als durch NewYorker. Dort habe ich im Studium im Rahmen eines Kurses nämlich zig Bikinis abgeräumt. Die Gänge waren einfach zu eng. Hier kann ich fast in jede Ecke rollen.

 

Interessant ist auch, wie die Menschen so auf mich reagieren. Manche springen zur Seite, andere gucken entsetzt, manche lächeln mich an. Einige halten mir die Tür auf, während Muttis mit Kinderwagen mir sogar den Weg abschneiden. Insgesamt wohl mein denkwürdigster IKEA-Besuch ever :-)

Dann folgt das gleiche Prozedere wie gestern: Eis holen, ab an den Unisee und abkühlen.

 

Abends ist ein Treffen an der Schlachte geplant. Aber wie soll ich dort eigentlich hinkommen? Die Entscheidung fällt aufs Fahrrad! Klingt komisch, ist aber so. In die Pedale trete ich eigentlich nur mit rechts. Meine Krücken befestigen wir mir einem Haargummi an einem anderen Rad. Über die Schlachte werde ich dann auf dem Sattel sitzend bis ans Ziel geschoben. Eine mittlerer Attraktion für all die anderen Menschen.
Wir haben einen wirklich schönen, sonnigen Abend an der Weser, doch nach ein paar Stunden auf den Holzmöbeln mit hängendem Bein spüre ich, wie Fuß und Wade immer dicker werden. Später glaube ich sogar, beides wird wohl noch platzen. Die Stütz-Manschette hat eine schöne Kante in die Wade geschnürt. Also hochlegen und kühlen.

 

 

29.5.2018: Nur fix ne Überweisung holen
Wie praktisch, ich habe ja noch den Termin in meiner Orthopädie-Praxis. Den nehme ich auch wahr. Schließlich benötige ich noch die obligatorische Überweisung zur MRT sowie die Rezepte für Orthese und Thrombosespritzen.
Und es war ja klar: Arzt Nr. 5 lässt es sich natürlich nicht nehmen, mich auch noch mal zu untersuchen … oder etwas ähnliches zu tun. Denn eigentlich hatte er meine Wade kaum berührt, als er sagt: „Ganz klar, Teilabriss.“ Ich schlage vor, das Ultraschallgerät zu benutzen, das direkt neben mir steht, aber er lehnt ab. Die MRT wird es zeigen.
Emotional rausche ich wieder in den Keller, denn auch partielle Rupturen werden fast immer operiert. F***. Also doch! Ich hole noch die Spritzen aus der Apotheke und den AirWalker (eine Unterschenken-Orthese; quasi ein Kunststoff-Gipsersatz) aus dem Sanitätshaus und dann kullern auch schon wieder die Tränchen. Wieder fahre ich Auto. Natürlich ohne das Ding: erst Einkaufen, um mich auf längere Zeit mit Klopapier und Kaffee einzudecken und dann nach hause.


Abends telefoniere ich mit meinem Freund Jan. Fußballer. Er kann es nicht fassen. „Jennifer, wäre die durch, hätten die dich noch auf der Hochzeit direkt ins Krankenhaus fahren können. Ich war einige Male dabei, als das jemandem beim Training oder im Spiel passiert ist. Erwachsene Männer heulen vor Schmerz auf dem Spielfeld!“ Tja, vielleicht bin ich echt n Tier!

 

 

 

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