Mysteriöser Achilles Teil I – Von dem (jungen) Hüpfer lass ich mir den Sommer nicht versauen


Es ist der 20. Mai 2018. Meine Freundin Lena heiratet heute ihren Johannes. Seit Wochen plane und organisiere ich für diese Hochzeit, damit ihr der Pfingstsonntag 2018 als einer der schönsten Tage überhaupt in Erinnerungen bleiben wird. Den halben Tag über bin ich ein Nervenbündel und hoffe, dass alles klappt. Und joa, es klappt. Nach dem letzten offiziellen Programmpunkt fällt dann die Anspannung allmählich von mir ab. Die Tanzfläche ist eröffnet. Nun wird getanzt was das Zeug hält. Ich gebe alles :-) Okay, „Macarena“ haben wir irgendwie verkackt, aber „Jein“ habe ich absolut textsicher gerockt, mit Marius „Sexeeeeeey“ gegrölt und Rammstein zog unerwartet Gäste auf die Tanzfläche, die ich hier den ganzen Abend noch nicht gesehen habe. Die Stimmung ist grandios.

 

 

21.5.2018: Ins Nirvana befördert

Es ist ca. 0:30. Ich tanze seit etwa 2,5 Stunden ununterbrochen. Mittlerweile barfuß. Zeitweise kann man es nicht wirklich „Tanzen“ nennen, was wir hier tun, denn gelegentlich springen wir auch einfach nur wie eine wild gewordene Horde auf und ab – mehr oder minder synchron. Es riecht gerade nach „Teen Spirit“, als das vertikale Hüpfen nicht bei allen reibungslos funktioniert und ein eleganter Herrenschuh mir mit voller Wucht in die Wade tritt. Sofort halte mich an der Wand fest, um zu entlasten. Der Schmerz ist immens. Ich schleppe mich zum nächstgelegenen Stuhl.
Erster Gedanke: Achillessehne! Doch ich kann den Fuß bewegen. Puhhh!
Auf dem Stuhl hält es mich nicht lange. Eis!!! Wie Quasimodo schlurfe ich zum Service, erkläre kurz und knapp mein Anliegen und folge einem engagierten jungen Mann in einen Nebenraum. Dort reißt er kurzerhand einen zementsack-großen Beutel Gefrorenes auf und schustert mir ein wundervolles Geschirrtuch-Kühlpack.

Den Rest des Abends verbringe ich in Sitzparty-Stellung direkt neben der Tanzfläche. Ein einziges Mal versuche ich noch, wie ein Fußballer, der gerade vom Spielfeld getragen wurde, wieder auf den Platz zu kommen und weiterzuspielen, als wäre nichts gewesen. Es gibt ja solche Songs, bei denen kann man einfach nicht sitzenbleiben. Aber no way! Desillusioniert kippe ich zurück auf den Stuhl und tropfe den Saal weiter mit dem Schmelzwasser voll, das mittlerweile unattraktiv (weil angereichert vom Schwarz meiner Füße) die schneeweiße Stuhlhusse färbt.

Lena schickt nach dem Mann ihrer Cousine. Der ist Arzt und schaut nach meinem Leiden. Auch er schließt die Achillessehne ziemlich schnell aus und vermutet einen Muskelfaserriss. Ich folge seiner Empfehlung und gönne mir zwei Ibu600. Schönen Gruß an die Leber nach dem ausgiebigen Genuss diverser Spirituosen.


Gegen halb drei verlasse ich dann doch vorzeitig die Feierlichkeit, deren offizielles Ende ohnehin in einer halben Stunde ansteht – die Braut aber auch ;-) Treppe runter, einmal quer durchs Hotel, Treppe hoch, Flur, Flur, Flur, stehe ich (noch immer barfuß, die Schuhe in er Hand, weil geht nicht anders) endlich völlig fertig vor meinem Zimmer. Die Musik ist hier ziemlich laut und schallt genau vom Ende jenes Flurs her, in den ich nun verdutzt blicke. Okay, kenne ich diese Abkürzung also auch … fürs nächste Mal oder so :-/
Jetzt fix ab ins Bett. Aber vorher noch Füße waschen!

 

Immer noch der 21.5.2018
Nach einer ziemlich kurzen Nacht packe ich in Zeitlupe mich und meine Sachen zusammen, wuchte mich und mein Gepäck die heute Nacht unnötig überquerten Flure entlang und die Treppe hinunter zur Rezeption. Ja, das war dieses Mal wirklich der kürzeste Weg.
Ich verstaue meine Habseeligkeiten für die Dauer des Frühstücks in einem Nebenraum und widme mich nun selbigem. Allerdings gehe ich nicht sooo häufig zum Buffet und lächle den Schmerz weg.
„Treter“ und Arzt schauen noch mal nach mir. Auf einen davon hätte ich übrigens gut verzichten können und ärgere mich noch heute über gewisse, unqualifizierte Kommentare. Dem anderen nochmals vielen Dank für die nette Zuwendung. Die Wade ist knüppelhart, aber eine Schwellung ist nur zu erahnen. Blau ist auch nichts. Aber es tut weh. Sehr weh. Ich kann nicht abrollen und nicht belasten.

Nach dem Frühstück geht es für mich von Wöltingerode aus zu meiner Freundin Sylvi und ihrer Familie nach Thale/Friedrichsbrunn. Zumindest ist das seit Wochen der Plan. Ob ich das hinbekomme, weiß ich noch nicht. Die Alternativen sind jedoch rar gesät. Zwar bieten viele liebe Leute fleißig Hilfe an, aber realistischerweise ist der Aufwand, Schalt- und Automatikwagen zu tauschen und irgendwann zwischen Bremen und Braunschweig wieder zurückzutauschen, ziemlich groß. Und außerdem: erstmal versuchen. Es sind ja nur 55km.
Sylvi weiß mittlerweile über meinen Zustand Bescheid und weist mich an, direkt zu ihr nach Hause zu fahren. Sie arbeite zwar noch, aber ihr Mann, genannt Doc, und ihre Tochter wären daheim. Super, dann kann sich Doc, seines Zeichens Radiologe – den Schaden gleich ansehen. Also los!

 

Schön ist wahrlich anders, aber wenn ich erst einmal auf der Autobahn bin, dann, dann …
Kupplung-Treten ist absolut mies und mit dem Vorderfuß unmöglich. Ich platziere das Pedal irgendwo zwischen Mittelfuß und Ferse und trainiere so in kürzester Zeit ziemlich effektiv meinen linken Quadrizeps. Angst machen mir jedoch schon jetzt die bevorstehenden Serpentinen hoch nach Friedrichsbrunn, die ich dann recht unerwartet doch besser meistere als so manch „Einheimischer“.

Als ich ankomme weiß Doc noch nichts von meinem Vorfall und öffnet mir im Schlüpper die Tür. Ich humpele die Treppe hoch, mache dumme Sprüche über meine Geschwindigkeit und kläre ihn oben in der Wohnung angekommen auf. Auch er schließt die Achillessehne sofort aus. „Jennifer, wäre die durch, wärst du die Treppe nicht hochgekommen!“ Gut! Dann bin ich beruhigt.
Doc tippt auf einen Pferdekuss. Das sei wohl auch wahnsinnig schmerzhaft.
Der Tagesplan für meinen Aufenthalt wird kurzerhand umgeworfen. Die Trekking-Schuhe bleiben im Auto. Mit mir ist nicht viel los. Also essen wir zu süßen, aber mit Liebe selbstgebackenen Kuchen, „asseln“ im Garten (wie man im Harz gern sagt) und kehren abends in der Klobenberg-Baude ein. Doc schaut später noch mal ganz in Ruhe nach meinem Fuß und kündigt mir ein wunderschönes Hämatom an. Er trägt dick Heparin30000-Salbe auf und legt einen stützenden Verband an. Dann beenden wir den Tag mit einer Partie UNO.

Der Plan für morgen: Wenn es gar nicht geht, fahre ich nicht zurück nach Bremen, sondern bleibe noch einen Tag länger im Harz.

 

 

22.5.2018: Erst die Arbeit

Und täglich grüßt das Humpeltier. Ich packe mich und meine Sachen in Zeitlupe zusammen, wuchte mich und mein Gepäck den Flur entlang und die Treppe hinunter zum Auto. Sylvi und Doc sind bereits auf der Arbeit, ihr Töchterchen im Kindergarten. Für mich steht heute ein Kundentermin an. Der kurze Weg dorthin wird zur Testfahrt. Joa, wie gestern: nicht schön, aber irgendwie machbar. Zähnezusammenbeißen.

Gegen Mittag trete ich tatsächlich mutig die 300 km nach Bremen an und freue mich darauf, dass sich nach den Serpentinen wieder eine lange Strecke Autobahn anschließen wird. Glücklicherweise schaffe ich es ohne Zwischenfälle nach Hause und muss nicht auf die lieben Hilfsangebote meiner Freunde und Bekannten zurückgreifen, mich irgendwo JWD abzuholen.

Abends schmiere ich wieder schön Heparin30000 auf meinen Klumpfuß und erzeuge etwas Druck durch den Verband. Dazu kühle ich konsequent die Wade, denn Trittstelle und Fuß schwellen nun doch an. Und Doc hatte Recht: Ein schönes Hämatom bildet sich nun im Fuß, obwohl der Tritt ja viel höher saß. Die Schwerkraft schlägt auch hier unerbitterlich zu.
Ist das eigentlich noch lila oder wird das schon schwarz?

 

23.5.2018: Google ist mein Freund
Ich bin jeher ein Meister der Selbstdiagnose. Aber dieses Mal bringt mich das WorldWideWeb an meine Grenzen. Ich recherchiere sämtliche Diagnosen und schließe die Achillessehne weiterhin aus. Ich habe Kontrolle über den Fuß, wenn auch wenig. Es gab keine „Peitschenknall“. Okay, Kurt schrie ziemlich laut, als es mich ausknockte, aber da hätte doch n Ruck durch meinen Körper gehen müssen. Denke ich.
Pferdekuss. Könnte sein, das kommt soweit hin. Vielleicht stimmt Docs Vermutung also. Ich schaue mir Fotos von verletzten Füßen und typischen Hämatomen an. Alle verletzten Treter, die aussehen wie meiner, haben sich Bänderrisse zugezogen. Gleichzeitig stolpere ich immer wieder über Fotos von Achillessehnen-OPs und den dazugehörigen Narben. Das will man wirklich nicht.


 

24.5.2018: Oder doch was Ernstes?
Noch immer tritt keinerlei Besserung ein. Im Gegenteil. Der Fuß wird immer dicker. Autofahren möchte ich nun erst einmal sogar aus eigener Überzeugung heraus vermeiden. Ein Freund fährt für mich einkaufen. Ich schicke ihn auch bei einer Apotheke vorbei. Ab jetzt wird Heparin60000 geschmiert.

Schon fast den ganzen Mai ist gefühlt Hochsommer. Und weil das toll ist, lasse ich es mir daher nicht nehmen bei der Bullenhitze, heute zweimal in „meinem“ Fluss baden zu gehen. Schließlich bin ich nicht allein, könnte also im schlimmsten Fall aus der Ochtum gerettet werden. Im Wasser wiegt man ja auch nix. Der Verband bleibt dran. So kühlt der nachher gleich die Schwellung. Im Wasser halte ich mich am Steg fest, denn schwimmen ist nicht. Der Fuß findet das nicht lustig.
Abends schreibe ich nochmal mit dem Doc und berichte, dass es immer noch schlimmer wird. Er bittet mich, nun doch zum Arzt zu gehen. Von zweimal Anfassen könne er einen Bänderriss, oder was auch immer, nicht ausschließen. Recht hat der Mann.

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